Birding – Den Vögeln auf der Spur

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Vogelbeobachtungen in Deutschland

Ist es ein Zufall, oder was ist der Grund, dass die sozialen Medien plötzlich voll sind von Berichten über „Birding“. Der Begriff bedeutet Vogelbeobachtung, aber er klingt viel cooler zumindest für die junge Generation. In der Zeitung lese ich den Bericht „Nur der Himmel und viel Ruhe“ über den neuen Reiz des Analogen beim Beobachten der Vögel.
Es muss wohl an meinem Alter liegen, dass ich diesen Reiz schon länger verspüre. Die Avifauna hat mich schon immer interessiert, schon lange bevor der Begriff „Birding“ erfunden war. Oft sitze ich am Fenster und beobachte die Vögel im Garten und der Nahumgebung. Meinen Nachbarn habe ich mein Hobby längst erklärt, damit sie nicht denken, dass ich in ihre Privatsphäre eindringen will, wenn ich mit dem langen Teleobjektiv und Fernglas am Fenster stehe, um Elstern, Ringeltauben, Amseln oder Meisen zu fotografieren und zu beobachten.


Den Vögeln auf der Spur zu sein, das hat mich schon immer fasziniert und zu Erkundungstouren angetrieben. All zu oft habe ich dabei festgestellt, dass die meisten Menschen sich z. B in Mallorca und Gran Canaria besser auskennen, als in Deutschland, dass sie afrikanische Tiere besser kennen, als die Tiere in Feld, Wald und Flur ihrer Heimat.
Dabei ist die Möglichkeit, Vögel beobachten zu können, überwältigend groß. Denn Vögel gibt es nahezu überall. Aber natürlich suchen wir gerne die Gebiete auf, in denen nicht nur die Vögel zu beobachten sind, sondern in denen auch die Natur noch möglichst intakt ist. Zum Glück gibt es auch davon in Deutschland so viele Gebiete dass wir bisher nur einen Bruchteil kennen:
– 16 Nationalparks mit rund 1,05 Millionen Hektar, 0,6% der deutschen Landfläche
– 18 nationale Biosphärenreservate, davon 17 anerkannt von der UNESCO als internationale Biosphärenreservate, 4% der deutschen Landfläche
– 9012 Naturschutzgebiete mit 2,7 Millionen Hektar, 6,5 % der deutschen Landfläche
– 742 ausgewiesene EU Vogelschutzgebiete mit mehr als 60. 000 Quadratkilometer, die auch Teil des europäischen Schutzgebiets-Netzwerks Natura 2000 sind.

Trotz all der Möglichkeiten, tolle Naturschutzgebiete zu erleben, fängt für mich die Natur schon vor der eigenen Haustür an, auch wenn es hier die Natur aus zweiter Hand hier ist. Aber immerhin ist die Fläche der in Deutschland vorhandenen Privatgärten so groß wie alle deutschen Naturschutzgebiete zusammen. (Quelle: LIB Leibniz-Institut: Analyse des Biodiversitätswandels mit COGS die Biodiversität in Gärten erforschen, Bonn 2026). Bei der Vielfalt der unterschiedlichen Gartenbiotope verwundert es nicht, wenn man feststellt, dass die Artenvielfalt in den privaten Gärten oft größer ist, als auf den agrarwirtschaftlich genutzten, mehr an Gewerbeflächen erinnernden landwirtschaftlichen Nutzflächen mit riesigen Monokulturen aus Mais, Raps oder anderen Nutzpflanzen. So zählt der LBV bis zu 50 verschiedene Vogelarten in privaten Gärten auf (Quelle: Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V.).

An manchen Frühsommertagen gleicht unser kleiner Garten einer kleinen Vogelvoliere, wenn Amseln, Blau- und Kohlmeisen, Heckebraunellen und Ringeltauben zu beobachten sind, die scheuen Elstern vorbeischauen und auch Stare, Stieglitze und Dompfaff sich blicken lassen.


Ist es da notwendig, in die Ferne zu schweifen? Natürlich, denn es lockt die Natur und das Erlebnis ganz besonderer anderer Biotope.
Aber auch derartige Gebiete gibt es vielfältig. Unweit der Haustür sind es die Gebiete Siegtalaue, Siebengebirge und Eifel.

Bereits im Februar / März sind wir unterwegs im Mündungsgebiet der Sieg in den Rhein bei Mondorf. Singdrosseln, Meisen, Spechte und einige Halsbandsittiche sind zu hören und zu sehen. Auf den knapp 40 m hohen Bäumen entlang der Sieg lassen einige Graureiher ihren heisernen, krächzenden Ruf hören. Rund 30 Horst erzähle ich (07.03.2024 Tagebuchaufzeichnung). Die Reiher streiten sich um die besten Horstplätze in den noch unbelaubten Baumkronen. Einer der großen Vögel kommt mit einem Zweig im Schnabel herangeflogen. Die einen krächzen, um ihn zu vertreiben, andere um ihn zu begrüßen. So richtig ist das geschäftige Treiben und Streiten nicht zu interpretieren. Bald wird das Brutgeschäft beginnen.


Ein paar Wochen später Anfang April (Tagebuch 02. 04. 2020) sind wir hier wieder unterwegs. An der Fährstation der Rheinfähre hat die kleine Würstchenbude geöffnet. Aber wir sind nicht wegen der Currywurst und Pommes hier, sondern gehen weiter Sieg aufwärts am kleinen Hafen vorbei. Nach kurzem Weg erreichen wir die Reiherkolonie. Die Horste hängen in den hohen Pappeln direkt am alten Siegarm Diescholl. Das ca. 6, 6 Hektar große Diescholl ist im Besitz der Fischerei-Bruderschaft. Im malerischen Altarm der Sieg ankert der historische Aalschocker „Maria Theresia“. Es ist ein so idyllisches Bild, dass es mich immer wieder ablenkt von dem regen Treiben in den Baumkronen über uns. Besonders in einem Horst ist viel Betrieb: Drei schon gut herangewachsene Jungreiher streiten sich um den besten Platz im Horst. Die hohen Pappeln blühen zwar, sind aber immer noch unbelaubt, so dass wir zwischen den dürren Ästen alles gut beobachten können. Die Altvögel füttern. Bald fliegen sie wieder davon, es kehrt Ruhe ein. Aber dann ist im Nachbarbaum ähnliches Gezeter zu hören. Vogelkolonien sind immer ein ganz besonderes Erlebnis, besonders wenn die Jungvögel gefüttert werden.


Ein vergleichbares Vogeltheater gibt es auch ein paar Kilometer weiter: Der Sieglarer See ist ein 17 Hektar großer ehemaliger Baggersee in Troisdorf. Er entstand in den 1970er Jahren während des Baus der Autobahn A59 inmitten des Naturschutzgebietes Siegaue und entwickelte sich zu einem kleinen Vogelparadies. Nicht nur durchziehende Enten, Gänse und andere Wasservögel sind zu beobachten. Auf zwei Inseln in Seemitte brüten Graureiher und Kormorane. Skelettartig ragen und die durch Kot und Ausscheidungen fast abgestorbenen Nistbäume in den Himmel. Etwa 30 Horste sind besetzt (16. 03. 2024 Tagebuch Aufzeichnungen). Die vorbeifliegenden Kormorane haben Nistmaterial im Schnabel. Ein paar Nilgänse fliegen lärmend auf. Mit weit ausgebreiteten Flügeln hocken die schwarzen Kormorane am Inselufer, um das Gefieder zu trocknen, ein Bild das immer an die Karikaturen der Pleitegeier erinnert. Um besser nach Fischen tauchen zu können, sind die Federn weniger wasserabweisend und luftdurchzogen als bei anderen Vögeln. Um aber besser fliegen zu können und Körperwärme zu behalten, müssen sie ihr Gefieder immer wieder trocknen, die typische Kormoranhaltung.
Es gibt viele Stellen in der idyllischen Siegaue für Natur- und Vogelbeobachtungen. Sie besteht aus einer artenreichen Auenlandschaft die 1986 als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde und in der 249 Vogelarten registriert wurden.

Der Uhu am Weilberg
Am 12. 04. 2024 hält uns nichts mehr zu Hause wir müssen den Uhu, den unsere Freundin uns genannt hat, im Siebengebirge finden! Per Auto geht es über den Rhein nach Königswinter und weiter in das hügelige rechtsrheinische Mittelgebirge. Vorbei an der Klosterruine Heisterbach geht es zum Parkplatz Weilberg. Der Wanderweg ist nur 300 m lang ehe ein steiler Abzweig zu einer Aussichtskanzel führt. Vor uns liegt die Tuffstein- und Basaltwand des ehemaligen Steinbruchs Weilberg. Weiter unten liegt etwas düster ein kleiner See. Mehr als 50 Berge und Anhören umfasst das Mittelgebirge, das seinen vulkanischen Ursprung vor rund 30 Millionen Jahren hatte. Im 19. und 20. Jahrhundert führte der Basaltabbau zu großen Steinbrüchen. Der vor uns liegende Steinbruch am 242, 1 Meter NHN hohen Weilberg wurde 1940 stillgelegt. Aber die steilen Abbruchkanten geben einen gewaltigen Einblick in die Jahrmillionen ihre Entstehung. Senkrecht besteigen die meist hexagonalen Basaltsäulen auf, erscheinen an manchen Stellen wie eine versteinerte Säulenkolonne. An anderen Stellen dominieren die dicken Schichten des hellen Tuffgesteins. Das Siebengebirge ist heute ein Nationalpark mit dem größten zusammenhängenden Naturschutzgebiet von Nordrhein-Westfalen. 2006 wurde es in die Liste der 77 ausgezeichneten nationalen Geotope aufgenommen. Viele Besucher kommen wegen dieser geologischen Besonderheiten in das Siebengebirge. Und wir suchen einen Vogel.

Direkt vor uns sehe ich auf einen Blick den Uhuhorst ca. 250 m vor uns auf der anderen Seeseite. Inmitten der hellen Tuffsteinwand hat er auf einem kleinen Vorsprung seinen Horst gebaut. Mit Fernglas und starkem Teleobjektiv verfolgen wir gespannt die Bewegungen der Vögel. Manchmal ist es ein langes Warten. Dann füttert der Altvogel zwei kleine Daunenjungen, von denen wir jeweils immer nur ein kleines Köpfchen sehen (Tagebuch 12. 04. 2024). Ein Roter Milan fliegt hoch oben über uns hinweg, eine Singdrossel ruft. Vergeblich warten wir heute auf das sonore Rufen der Uhus vor uns. Der zweite Altvogel, es ist wohl das Männchen, sitzt etwas verborgener zwischen den Zweigen in einer dunklen Nische zwischen den Basaltsäulen.

Wegen der Größe des Gebietes gibt es derzeit nur ein bis zwei Uhu-Brutpaare im Siebengebirge. In der gegenüberliegenden Eifel, dem Gebiet zwischen Rhein-Mosel- Ardennen werden zur Zeit 150 bis 170 Uhu- Brutpaare gezählt. Nicht nur deshalb zählt für uns die Eifel zu unseren Lieblingsgebieten. Seit 1978 sind wir verliebt in diese Region ihre schroffen Felsen, versteckten und romantischen Tälern, ihren kahlen Höhen und tiefen Wäldern. Vogelbeobachtungen sind nur ein winziger Ausschnitt unserer Eifelerlebnisse. So gibt es drei Vogelfamilien, die uns immer wieder in die Eifelregion führen: Spechte, Eulen und Schwarzstörche.


So sehr es mich heute immer noch reizt Vögel zu beobachten, so ist es doch zu einer Art Freizeitvergnügen geworden ohne den besonderen Reiz des frühen Aufstehens, des langen Ansitzens oder des steilen Anstiegs im Gebirge. Für mich war es in insbesondere der „Schwarze Ritter der Moore und Heiden“ (siehe auch Land Brandenburg, Ministerium für Landwirtschaft Umwelt- und Klimaschutz, Blick aus der Vogelperspektive, Seite 86), der mich morgens um 5 Uhr hinauslockte. Es waren die Jahre Ende 1960 Anfang 1970, Osterzeit und eigentlich viel zu kalt, um morgens in der Dunkelheit durch das Ahlenmoor bei Flögeln zu schleichen. Mit rund 40 Quadratkilometern ist das Ahlenmoor das größte Hochmoor in Cuxland. Heute gibt es das Moor- Informationszentrum (MoorIZ, Am hohen Kopf 3, 21776 Wanna). Vor 55 Jahren war es eine einsame Moorlandschaft mit einem Moorsee, dem Fünfsee, und teilweise noch Torfabbau. Die Erinnerung an mystische Moorwanderungen und einmalige Vogelerlebnisse bei der Balz der schwarzen Ritter, der Birkhähne, haben sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. (reisen.naumann-bonn.de; Erinnerungen an den besonderen Moorsound vor 30 Jahren im Flögelner Moor). Um das Überleben der Birkhühner im Ahlenmoor haben die Vogelschützer lange gekämpft. Aber trotz ihrer Bemühungen und der Versuche der Wiederauswilderung ist die Balz der Birkhühner seit mehr als 30 Jahren Geschichte. So sind für mich heute die Bilder von damals wie aus einem Märchen.


So wie mich die schwarzen Ritter der Moore immer fasziniert haben, so sehr habe ich mir immer gewünscht, auch die zweiten großen Raufußhühner einmal zu erleben, die Auerhühner. Um diesen Traum wahrzumachen, fuhren wir extra in den Bayerischen Wald (siehe reisen.naumann-bonn.de, Wald-Geschichten, 2022 ),aber es blieb auch dort nur bei dem Anblick eines Auerhuhnpaares im Freilichtgehege des Nationalparks.

Zum Glück enden nicht alle Vogelmärchen auf derartige Weise wie bei den Birkhühnern. Ähnlich wie das Birkwild in norddeutschen Mooren waren auch die Kraniche als Brutvögel vom Aussterben bedroht. In Zeitraum von 1965 bis 1972 wurden in Niedersachsen nur noch acht Brutpaare der „Vögel des Glücks“ registriert. 1973 waren wir zum ersten Mal im Wendland in einer Auenlandschaft des Elbetals. „Naturbereiche im Schatten der Grenze“ hieß es damals, denn auf der Ostseite der Elbe war der Deich durch einen hohen Stacheldrahtzaun bekröhnt: die Grenze der DDR mit dem berüchtigten Todesstreifen. Im Schatten dieser Demarkationslinie, an der wirtschaftliche Entwicklungen nahezu zum Erliegen kamen, entwickelte sich die Natur und wurde auf Initiative des Bundes Naturschutz in Bayern e.V. kurz nach der politischen Wende in Deutschland am 09. 12. 1989 zum ersten gesamtdeutschen Naturschutzprojekt erklärt. Von dieser friedlichen Revolution waren wir in den 70er Jahren noch sehr weit entfernt. Nur die Natur kannte diese Grenze nicht und die Auenlandschaft der Elbe entfaltete ihre kaum gehinderten Möglichkeiten. Die Kraniche wechselten die Grenze ohne Passierschein, riefen tagsüber von den Feldern auf der DDR-Seite und flogen abends in Richtung Elbholz auf der anderen Seite. So erlebten wir an dieser eigentlich traurigen Grenze viele unserer schönsten Naturbeobachtungen (siehe auch reisen.naumann-bonn.de; Konzert der wilden Vögel). Dem Schutz dieser Gebiete und der aufopfernden Betreuung der Kraniche ist es zu verdanken, dass sich die Bestände der Brutvögel in Norddeutschland drastisch erhöht haben und die sonst so scheuen stattlichen Vögel Brutgebiete in Sichtweite zu den Wanderwegen bezogen haben – ein fantastisches Naturschauspiel.


Die Auenlandschaft und Qualmwasserbereiche entlang des Elbedeiches haben weitere ornithologische Besonderheiten. Nach intensivem Suchen entdecken wir Beutelmeisen, die ihr kunstvolles Beutelnest an die Zweige einer Weide gehängt haben. Weißstörche suchen auf den Feuchtwiesen Nahrung. Sie brüten auf vielen Dächern historischer Gebäude entlang der Elbe. Fischadler, Milane, Enten, Gänse und Kormorane sind immer wieder zu beobachten. Von Land, zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem Kajak auf dem Fluss bietet die Elbe mit ihrer Landschaft und vielen naturnahen Uferzonen fantastische Naturerlebnisse und Beobachtungsmöglichkeiten. Sie gilt als der längste frei fließende Strom ganz Europas und mündet dort, wo es für Ornithologen noch spannender wird: Im Wattenmeer der Nordsee

Das Wattenmeer, das im Rhythmus der Gezeiten durch Elbe und Flut mal Meer, mal Land ist, stellt sicher eine der faszinierendsten Landschaften dar. Es liegt vor unserer Haustür und erstreckt sich zwischen Dänemark und den Niederlanden mit 500 km Länge und bis zu 40 km Breite über eine Fläche von 11. 500 Quadratkilometer. Dieses größte Wattenmeer der Erde wurde 2009 in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen und ist seit 1985 Nationalpark. Das nordfriesische Wattenmeer ist seit 1974 Naturschutzgebiet. Auch wenn man diese Landschaft als Deich- oder Wattwanderer oder als Inselbesucher ebenfalls genießen kann, so ist es für uns immer ein herausragendes Erlebnis, im Wattenmeer mit dem Kajak unterwegs zu sein, allein in einer einsamen Wasserlandschaft, in der es plötzlich kein Wasser mehr gibt. Die Austernfischer führen ihren Trippeltanz, die Möwen rufen auf dem namen Watt, die Welt hat sich offenbar mit dem Wasser bis hinter den Horizont zurückgezogen. Neben den unzähligen Einzelerlebnissen bei Touren im Wattenmeer (siehe hierzu auch…….) sind es für mich die Erlebnisse der großen Brandseeschwalbenkolonie auf dem Großen Knechtsand, die Tage bei den Vogelwärtern auf der Vogelinsel Mellum und die Beobachtungen der Seeschwalben auf den Salzwiesen der Insel Langeneß im nordfriesischen Wattenmeer. In den offenen Wiesenlandschaften der Nordseeinseln und Halligen zählen nicht nur die Rotschenkel. Seeschwalben, Austernfischer und Möwen zu den Brutvögeln, sondern manchmal auch die Sumpfohreulen. Diese bodenbrütende Eule liebt die Gras- und Feuchtgebiete der friesischen Inseln auch deshalb, weil es hier keine oder weniger Predatoren z. B wie Füchse gibt, die ihren Bruten gefährlich werden.

Wie ein fernes Nebelhorn klingt es aus dem Röhricht, der Balzruf der Großen Rohrdommel. Nur selten bekommt man diese scheuen Vögel zu Gesicht, noch seltener vor die Linse des Tele-Objektivs. Mit dem Einigungsvertrag wurde inmitten der Mecklenburger Seenplatte 1990 der rund 31000 Hektar große Müritz Nationalpark geschaffen. Das Fahrrad bietet hier neben dem Kajak die ideale Möglichkeit, diesen großen Naturraum kennenzulernen.

Bei Schwarzenhof erreichen wir die schmale Asphaltstraße, die bis zu dem kleinen Ort Speck mitten in das Herz des Nationalparks hineinführt. Eine Hochspannungsfreileitung durchschneidet brutal die offene Wiesenlandschaft, technische Bauwerke, alles andere als erbaulich für Naturliebhaber. Aber ausgerechnet auf einem solchen Monstrum thront der mindestens zwei Meter hohe Fischadler-Horst. Zwei Altvögel sitzen auf dem Horst und geben uns Zeit, sie vom Beobachtungsstand zu beobachten. Mit rund zehn Brutpaaren im NP und 58 Brutpaaren im gesamten Müritzkreis entspricht die Brutdichte einer der höchsten in ganz Europa. Einer der Altvögel erhebt sich mit kraftvollen Schlägen seiner großen Schwingen vom Nest, wir können uns kaum zur Weiterfahrt überwinden (Siehe hierzu: Naumann: Per Fahrrad in Müritz Nationalpark – Wo die Fischadler Hochzeit halten, unveröffentlicht)


Die wohl skurrilsten Vogelbeobachtungen sind wohl im Zwillbrocker Venn zu erleben: Flammenvögel: wild lebende Flamingos. Vom Niederrhein ist es eine Stunde bis ins Münsterland zum Zwillbrocker Venn.( siehe hierzu: reisen.naumann-bonn.de; Der Niederrhein). So ganz sicher ist man sich nicht, woher sie gekommen sind. Aber seit 1982 kommen Flamingos regelmäßig aus ihren Winterquartieren hierher. Meist von März bis September sind sie an dem flachen Lachmöwensee. Rund 5000 Vögel zählt die Lachmöwen-Kolonie, die durch den Koteintrag das Wasser des Sees so nährstoffreich machen, dass sich das Plankton hier vermehrt hat und den Flamingos volle Mahlzeiten bietet. Knapp 50 rosa Langbeiner zähle ich. Es sind Südamerikanische Chileflamingos, Große Flamingos und Karibische Flamingos mit ihren jeweils unterschiedlichen rosa Tönen im Gefieder. Das letzte Mal habe ich Flamingos in der Camargue erlebt und das vor vielen Jahrzehnten (siehe hierzu Martin Schulze, Frankreich Almanach, Umschau Verlag, 1984). Grazil durchwaten die weiß-rosafarbenen exotischen Vögel auf ihren langen Stelzenbeinen das Wasser. Das Gefieder ist von einer außerordentlichen zarten Schönheit. „Flammenflügler“ nannten die Griechen diese Vögel – phoenicopterus. Mittelalterliche Naturforscher gaben ihnen den Namen „Flambant“. In der lateinischen Klassifizierung hat sich der alte Name erhalten: phoenicopterus ruber – Großer Flamingo.
Die Brotkolonie auf der flachen Insel wird überschwirrt von tausenden kreischenden Lachmöwen. Noch lange schwirren mir die Flammenvögel und das vielstimmige Konzert der Lachmöwen im Gedächtnis herum. Es bleibt ein unvergessliches Erlebnis (siehe Tagebuchaufzeichnung einer Niederrhein-Tour im April 2017).


Die Vogelwelt in Deutschland bietet so viele faszinierende Erlebnisse, dass es schwer fällt, ein besonderes Ziel zu definieren. Aber wenn ein Freund von Bienenfressern und Wiedehopfen berichtet, so ist das für mich wie ein Stromschlag.

„Wenn es ein Tor ins Paradies gibt, dann kann man es sicher hier finden“, schreibe ich in das Gästebuch unserer Ferienwohnung in Oberrotweil. Für mich als Vogelliebhaber fühle ich mich hier wie im siebten Himmel (reisen.naumann-bonn.de; Kaiserstuhl – Zu den Paradiesvögeln der alten Welt; Der Kaiserstuhl und das Gespür für Wonne; Die Hochzeit der Bienenfresser). Bienenfresser galten Ende der 1980er Jahre in Deutschland als ausgestorben. Aber zu Beginn des 21. Jahrhunderts siedelten sie sich wieder im Kaiserstuhlgebiet an und im Zeitraum von 2017 bis 2022 wurden in Deutschland 4700 bis 6000 Brutpaare registriert. (Wikipedia org.; Bienenfresser) Damit erreicht der Bienenfresser das höchste relative Bestandswachstum der deutschen Avifauna und ist dennoch ein seltener Edelstein in der deutschen Vogelwelt. Er gehört zu den farbenprächtigsten Vögeln Europas. Sein kastanienbrauner Rücken, die leuchtend gelbe Kehle und der hellblau-türkise Bauch kennzeichnen die auffallend bunte Erscheinung. Im Flug fangen Sie die großen Insekten, schlagen an den Zweigen der Bäume sitzend die Stacheln der Hornissen, Hummeln oder Bienen ab, um sie dann der Braut als Hochzeitsgeschenk zu übergeben. Besonders attraktiv scheinen auch die bunten großen Schmetterlinge zu sein. Wir beobachten sie oft stundenlang, können uns nicht satt sehen.


Ein weiterer auffallend prächtiger Vogel gesellt sich am Kaiserstuhl in die Riege der Besonderheiten: Oft hören wir die Hubrufe des Wiedehopfes in den Weinbergen, selten bekommen wir ihn in Tele-Reichweite zu Gesicht. Aber es gibt Rufwarten, die sie immer wieder aufsuchen und aus sicherer Entfernung können wir sie auch gut beobachten und den seltenen Anblick genießen.


Neben den bunten Bienenfressern zieht ein weiterer Vogel alle Farbregister: der Eisvogel. Pfeilschnell fliegt er über die Wasserflächen. Als Stoßtaucher stürzt er sich von einem Ast ins Wasser oder er rüttelt kurz über dem Wasser, um sich dann blitzschnell herabzustürzen. Beim Auftauchen blitzt ein kleiner Fisch im Schnabel. Balanciert er ihn mit Kopf nach hinten, will er ihn selber fressen. Ist der Kopf nach vorne gerichtet, fliegt er blitzschnell zu seiner Bruthöhle, um die Jungen zu füttern. Manchmal, so sagt man, hat er sogar zwei Bruten gleichzeitig mit verschiedenen Weibchen. Kein besonderes Vorbild mit zwei Weibchen gleichzeitig, aber gut für den Fortbestand der Art. Als Standvogel gibt es in harten Winterzeiten oft viele Ausfälle und oft sind die Bruthöhlen auch durch plötzliches Hochwasser gefährdet.



Wir sind in den Rieselfeldern Münster unterwegs. Es ist ein Vogelparadies aus zweiter Hand, denn die offen gelassenen ehemaligen Rieselfelder der Münsteraner Kläranlage haben sich für durchziehende und brütende Vögel zu einem besonderen Gebiet entwickelt. Die Flächen dienten von 1901 bis 1975 der Verrieselung der in Münster anfallenden Abwasser. Da die Flächen ab Ende der 1950er Jahre durch immer größere Mengen Abwasser ständig bewässert werden mussten, entstand durch die angelegten Rieselfelder ein mosaikartiges Feuchtgebiet aus flachen Wasserstellen, Schlammflächen, Grünland und großen Schilfbereichen. Ein wahres Paradies für Schreit- und Watvögel, Enten, Gänse und Schilfbewohner (siehe auch reisen.naumann-bonn.de; Münsterland Twitcher oder Beobachter in den Rieselfeldern Münster, 2020). Das Gebiet ist ein gegliedert in das Natura 2000 Schutzgebietsnetz und umfasst eine Fläche von 4, 3 Quadratkilometer. Mit über 130 registrierten Vogelarten ist es das artenreichste Schutzgebiete Nordrhein-Westfalens. Es weist das größte Brutvorkommen der Blaukehlchen in Nordrhein-Westfalen auf und die Bartmeise brütet nur hier. Eine Menge Gründe für uns, immer wieder hierher zu kommen. Von Bonn sind es knapp 200 km oder zwei bis drei Stunden Autofahrt. Auf der sonnigen Parkbank an der kleinen Teichanlage bei der Biologischen Station und dem Heidekrug essen wir Mittag. Im Wasser quaken die Teichfrösche, ein Blässhuhn brütet auf einer kleinen Schilfinsel, zwei Zwergtaucher schwimmen zwischen den Schilfhalmen entlang. Oben auf dem Dach des Heidekrugs, dem schönen Restaurant, klappern die Störche auf ihrem Horst, die Idylle ist hier perfekt.



Am Großen Stauteich beobachten wir die vielen Lachmöwen, Enten, Gänse und Kormorane. Einige Rostgänse und Löffler fallen ins Gesicht. Aber zu unseren Lieblingsplätzen zählt die Aussichtskanzel Nummer 21, an der Anke auch eine Bartmeise entdecken konnte. Als ich plötzlich einen blauen Blitz über das Wasser jagen sehe, bin ich wieder einmal wie elektrisiert: Ein Eisvogel hat hier sein Jagdrevier (Tagebuch 28. 04. 2026). Aber auch er kommt nicht auf Bestellung. Stundenlanges Warten wird aber zum Glück belohnt. Nur der kleine Zaunkönig schimpft über unseren Aufenthalt in der Beobachtungshütte. Er hat sein kleines Kugelnest im Dachgebälk der Hütte eingebaut. Zum Glück liegen die kleinen weißlichen Eier warm eingekuschelt und mit Daunenfedern bedeckt, so dass sie sicher die Störung überdauern können. Den Eisvogel sehe ich hier ein paar Mal über das Wasser flitzen, so dass es sogar für Fotos reicht.

Meine schönsten Eisvogel Fotos stammen allerdings von einer Birdy Tour zur Bislicher Insel bei Xanten (reisen.naumann-bonn.de; Der Niederrhein, 2017). Die Bislicher Insel ist eine der wenigen noch vorhandenen Auenlandschaften Deutschlands. Das ca. 10 Quadratkilometer große Naturschutzgebiet ist nicht nur Überwinterungsort für bis zu 30. 000 arktische Wildgänse, sondern auch Standort der größten Kormoran-Kolonie in Nordrhein-Westfalen. Seit 2020 gibt es ebenfalls eine Brutkolonie von 10 bis 15 Brutpaaren Löffler.

Am Infozentrum NaturForum brüten in den künstlichen Nestern am Aussichtsturm die Mehlschwalben und Haussperlinge. Auf der Streuobstwiese hat ein Steinkauzpaar seine Niströhre bezogen.
Der Bericht unserer ersten Steinkauz-Beobachtung ist wie ein Märchen. So schreibe ich am 17. 05. 2024 in mein Tagebuch:
„Märchen beginnen mit den Worten: Es war einmal… und so soll es auch hier beginnen. Es war einmal der 17. Mai 2024. Anke und ich starten wieder einmal spät gegen 12 Uhr in Richtung Bislicher Insel und erreichen die Naturschutz Station gegen 14: 30 Uhr. Ich baue das Stativ mit 560 mm Teleobjektiv auf und warte. Nach zwei Stunden höre ich plötzlich laute Steinkauzrufe, die näher kommen. Aber erst nach längerem Suchen mit dem Fernglas entdecke ich ihn einige Bäume weiter. Auf einem kleinen Ast sitzt ein kleines kugeliges Federknäuel, öffnet nur seine Augen wenn es auf der Straße laut wird. Ich kann einige schöne Aufnahmen machen, ehe Anke laut ruft: „Wir müssen nach Krefeld fahren!“ Nach etwa 45 Minuten erreichen wir die Marktstraße. Wir werden aufgeregt empfangen, die Wehen haben eingesetzt. Sofort bin ich Chauffeur vom „Baby Taxi“ und um 5: 54 Uhr wird unser Leonard im Krankenhaus geboren! Welch ein Tag!!



Für viele Jahre war die Bislicher Insel aber auch der einzige Brutstandort in Nordrhein-Westfalen für Seeadler. Der große Greifvogel findet hier ein ideales Jagdrevier und brütet in den hohen Bäumen am Rande der Altarmwasserflächen gut einsehbar von der Beobachtungskanzel aus. Mit Pausen gehen wir den ca. 2 km langen Weg zu dem Seeadlerhorst notiere ich am 04. 05. 2026 ins Tagebuch. Rund 90 Graugänse, ein Haubentaucher, Blässhühner, Störche auf zwei Horsten. In den Bäumen rufen die Singvögel. Am Wegesrand blühen die Weißdornbüsche wie weiße Wolken sowie rote und weiße Kastanien und Traubenkirschen. Zum Glück sind die hohen Bäume noch nicht alle belaubt, so dass von dem Aussichtsstand aus der Adlerhorst gut einsehbar ist. Als ein Altvogel herbeifliegt, lugen zwei Jungvögel aus dem großen Horst. Aber das Seeadlerweibchen hat dieses Mal kein Futter in den Fängen.


„Die Jungen sind am 18. März geschlüpft,“ meint ein Birdy neben mir. „Heute haben sie schon Futter bekommen und es wird wohl lange dauern bis die Alten Nachschub bringen.“ Da treten wir lieber den Rückweg an, der auch noch Überraschungen hat: Ein Löffler schreitet durch den Bruchwald unweit des Weges. Löffler werden oft als Löffelreiher bezeichnet. Sie gehören aber nicht zu den Reihern. Sie bilden eine eigene Familie. Für mich ist es ein herrliches neues Erlebnis, das aber fast noch gesteigert wird, denn an der Flutmulde wird es berauschend: ein Säbelschnäbler und sechs Rotschenkel sowie Kiebitze.
Die Rotschenkel haben Junge, die im Ufersaum umherlaufen, kugelige Flauschbälle auf starksigen Beinen. Ein Bussard sitzt unweit auf einem Zaunpfahl. Aufmerksam beobachten die Alttiere ihre Jungen. Für den Greif wären sie ein guter Happen.
Auch wenn wir die meisten Seeadler bei früheren Touren ins untere Odertal bei Schwedt beobachten konnten, so war es uns weder an der Oder noch in der Oberlausitzer Teichlandschaft gelungen Seeadler am Horst zu beobachten und zu fotografieren. Es sind Wünsche, die noch bleiben.



Das geheimnisvollste Phänomen im Vogelreich ist wohl der Vogelzug: Woher kommt der Drang, zweimal im Jahr bis um die halbe Welt zu fliegen? Wie können sich die kleinen Tiere orientieren, Orte finden an denen sie vorher nie waren? Es gehört wohl zur Magie des Vogelzuges, dass vieles noch nicht endgültig wissenschaftlich geklärt worden ist. (reisen.naumann-bonn.de; Konzert der wilden Vögel; Himmelsboten in der Diepholzer Moorniederung, 2024) Aristoteles (384 bis 322 vor Chr) bot hier zu zwei Theorien an. Er meinte, dass einige Vogelarten im Schlamm der Flüsse und Teiche wie die Amphibien Winterschlaf halten könnten. Für einige Vögel ging er vom Transmutationen aus und meinte, dass z. B. männliche Gartenrotschwänze sich in Rotkehlchen verwandeln würden.
Im Mittelalter verband man den Vogelzug mit göttlichen Botschaften, nannte die Kraniche „Vögel des Glücks“, weil sie mit ihrem Kommen im Frühjahr Licht, Wärme und das wieder Erwachen der Natur assoziierten.


Die Magie des Vogelzugs hält auch mich gefangen. Laut Wikipedia ziehen jährlich rund 50 Milliarden Zugvögel und davon rund 5 Milliarden Individuen zwischen Europa und Afrika. Viele Vögel ziehen nicht so weit wie die weibliche Pfuhlschnepfe, die 2007 besendert nonstop von Alaska nach Neuseeland flog, 11 500 km. Alljährlich im Frühjahr und Herbst schauen viele Menschen in den Himmel, wenn laut trompetend die Kraniche ziehen. Mehr als 400 000 Kraniche ziehen jährlich über Deutschland, rasten hier, um dann weiter zu ziehen. In der Diepholzer Moorniederung wurden schon mehr als 80. 000 durchziehende Kraniche an einem Tag gezählt (NABU Beobachtungen). Für uns zählen derartige Beobachtungen inzwischen zu den Pflichtaufgaben im Herbst, die ich schon mehrfach dokumentiert habe. Das Konzert der magischen Vögel in den Diepholzer Mooren lässt die besondere Magie des Vogelzugs erklingen, wenn die untergehende Sonne den Himmel hinter den vorbeiziehenden Kranichen in Rot- und Orangetönen aufleuchtet. Für uns ist es wie ein Abschluss des Vogeljahres.